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Schattenlicht

Gesamtausgabe

Am Anfang steht ein Dachbodenfund: Als der Schriftsteller Martin Bühler sein Elternhaus entrümpelt, entdeckt er in einer Holzkiste ein Manuskript: Der Autor hält die Lebensgeschichte seines verstorbenen Vaters Matthias Bühler in den Händen, dessen biografische Aufzeichnungen von den 1920er Jahren bis in die Nachkriegszeit reichen.

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mehr als 600 Seiten

eine wahre Lebensgeschichte

Der Wissenschaftler und Unternehmer Matthias Bühler beeindruckt durch seine unermüdliche Zielstrebigkeit, die es ihm ermöglicht, aus bescheidenen bäuerlichen Verhältnissen heraus nicht nur drei Beruf zu erlernen, sondern mitten im Krieg das Abitur zu bestehen und danach ein Chemistudium zu absolvieren. Seine unerschrockene Art, vor niemandem Angst zu haben, auf Menschen zuzugehen und Rückschläge wegzustecken, kommt ihm dabei zu Gute. Seine Aufzeichnungen als Zeitzeuge dreier historischer Epochen in Deutschland liegen jetzt als über 600-seitige Gesamtausgabe aller drei Teile der Trilogie "Schattenlicht" vor.

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Deutsche Zeitgeschichte

1920er bis Nachkriegszeit

Im ersten Teil erleben wir die Kindheit und Jugend des Bauernjungen in einem kleinen Dorf der schwäbisch-bayerischen Hochebene. Im zweiten Teil empfindet Bühler seine Verpflichtung zum Arbeitsdienst durchaus positiv, er schätzt die üppigen Mahlzeiten und das gute Arbeitsklima. Der dritte Teil beginnt mit den ersten Friedensjahren. Der Hunger treibt die Stadtbewohner als Bittsteller zu den Bauern aufs Land.

Kapitelübersichten

Kindheit - Land und Dorf

Demjenigen, der im zweiten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts das Licht der Welt erblickte, standen turbulente Zeiten bevor. Wer von dieser meiner Generation in Ehren alt wurde, muss seinem Schöpfer danken. In Ehren alt zu, werden heißt in einer Zeit der regierenden Massenbewegung und des Mordens, sein Gewissen nicht belasten, seine eigene Persönlichkeit bewahren und zwischen Gut und Böse unterscheiden. Dafür sind und waren Askese, Selbstbeherrschung und Ehrfurcht vor der Kreatur die Grundlagen. Diese Grundelemente ethischer Begriffe konnten sich nur in einem Elternhaus entwickeln, in dem neben Geborgenheit auch Moral und einfache Frömmigkeit den Alltag prägten. Ich hatte das große Glück, in einem bäuerlichen Elternhaus aufzuwachsen, wo in harter Arbeit der kargen Scholle die Früchte der Erde abgerungen wurden. Die Freizeit bestand aus Gebet und Meditation. Meine Eltern waren nicht Erzieher, sie waren Vorbilder. Wenn man ein Jahr nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg in armselige Verhältnisse hineingeboren wurde, stand einem keine goldene Zukunft bevor.

Gottlioeb

Eine Erinnerung aus meiner Schulzeit geht mir nicht aus dem Sinn. Der Hockenbauer, mit bürgerlichem Namen Josef Gassner, war reich und hatte einen größeren Hof neben der Schule. Er war nicht nur sparsam, sondern extrem geizig, ein Herrenmensch obendrein, wie ihn nur diese Zeit hervorbringen konnte. Seine Schwester war bei ihm unbezahlte Stallmagd. Sie durfte die Stube nicht betreten. Das Essen stellte man ihr im Stall auf den Melkschemel. Kam sie doch einmal in den Wohnteil, wies er sie hinaus: „Marie, du stinkst nach Stall, bleib du draußen!“ Seine Frau machte er zur willenlosen Sklavin. Sie musste gut kochen, durfte aber nichts einkaufen. Als Knecht hatte er einen geistig Behinderten, der um einen Schweinefraß ohne Lohn arbeiten musste. Er kam aus einem Heim und hatte keine Angehörigen, keinen Fürsprecher und keinen Betreuer. Mit ihm konnte Hockenbauer machen, was er wollte.

Die erste Anstellung in Stuttgart

Die erste Anstellung in Stuttgart In der Berufsschule wurde ich kaum beachtet. Als ich dann meine kaufmännische Abschlussprüfung als Bester bestand, bekam ich plötzlich auch in diesen Kreisen Anerkennung. Für meine Abendschule war der Weg von Fellbach-Schmiden bis Stuttgart zu weit. Auch Schönemann konnte mich deshalb nicht halten. Auf meine einzige Bewerbung bei der Württembergischen Warenzentrale in der Johannisstraße bekam ich einen Vorstellungstermin. Ich konnte sofort anfangen.

Die harte Tour zum Abitur

Auf ein Inserat in der Kölner Tageszeitung hin fuhr ich zu einem Privatlehrer namens Linartz, ganz im Süden von Köln. Ein kleiner dickbäuchiger Mann empfing mich in einem prunkvollen Wohnzimmer mit kostbaren Stilmöbeln. Wie konnte ein Mann mit solchem Reichtum Privatstunden geben, die doch nicht viel einbrachten? Er wetterte gegen die Nazis mit einer Vehemenz, wie ich sie noch nie erlebt hatte. So konnte nur ein Lebensmüder reden, denn wenn ich als Fremder ihn denunziert hätte, er wäre mit Sicherheit im Arrest gelandet.

Eine vernünftige Ehe muss keine Vernunftehe sein

Maria war die geborene Geschäftsfrau. Sie managte alles, ob Verkauf, Büro oder Vertreter-Besprechungen. Für mich ein richtiger Goldengel, und dennoch immer bescheiden, rücksichtsvoll und selbstlos. Ihr stets fröhliches Wesen färbte auf alle ab. Obwohl sie um Jahre älter war und nicht gerade meiner Traumvorstellung entsprach, erwog ich ernsthaft sie zu heiraten. Mit 35 Jahren war ich über die Zeit der Schwärmerei hinweg. Stattdessen bekamen nüchterne, praktische Überlegungen für einen derartigen Entschluss den Vorrang. Dankbarkeit und Geborgenheit waren wohl die wichtigsten Argumente für meinen Entschluss. Ohne Feierlichkeiten, ohne großes Tam-Tam wurde geheiratet. Das Dorf war von dieser Neuigkeit schockiert. Mein Freund Rupert Rost traute uns in der Basilika in Ottobeuren. Neben den Trauzeugen nur die Eltern; ansonsten gähnende Leere in diesem großen Raum. Das Einzige, was recht üppig ausfiel, war das Essen im Ratskeller in Ottobeuren. Davon schwärmte Rupert Rost noch viele Jahre darnach.

Als Wissenschaftler an die Universität Hamburg

In meiner selbständigen Praxis war es nur immer um Geld, um Gewinn gegangen. Trotzdem hatte ich meinen Kontakt zur Wissenschaft nie verloren. Ich pflegte mit allen fischbiologischen Instituten enge Beziehungen. Mir fiel es nicht schwer in diesem Gebiet wissenschaftlich zu arbeiten. Nach langem Überlegen meldete ich mich bei Professor Sengbusch, dem Leiter des Max Planck-Instituts in Ahrensburg bei Hamburg zu einer Besprechung an. Ein international anerkannter Wissenschaftler, der sich auf dem Gebiet der Genetik einen großen Namen gemacht hatte. Die wohl bekannteste Neuzüchtung der Erdbeersorte Senga Sengana war sein größter Erfolg. Sein Institut wurde vornehmlich von Spenden der Großindustrie getragen; die staatliche Förderung war dagegen recht spärlich. So konnte er mit einem riesigen Aufwand Grundlagenforschung betreiben. er entwickelte neue Blumensorten (Gerbera,); er züchtete neue Pilzarten auf künstlichem Nährboden; eine umfangreiche Abteilung baute die Intensivhaltung von Karpfen auf und selektierte grätenarme Zuchtfische. Ihn interessierten meine fischbiologischen Pläne. Ich kannte nur seinen Teil seiner wissenschaftlichen Arbeiten. Ich war fasziniert von seiner persönlichen Ausstrahlung.

Beispiele aus dem Buch

Am Anfang steht ein Dachbodenfund: Als der Schriftsteller Martin Bühler sein Elternhaus entrümpelt, entdeckt er in einer Holzkiste ein Manuskript: Der Autor hält die Lebensgeschichte seines verstorbenen Vaters Matthias Bühler in den Händen, dessen biografische Aufzeichnungen von den 1920er Jahren bis in die Nachkriegszeit reichen.
Der Wissenschaftler und Unternehmer Matthias Bühler beeindruckt durch seine unermüdliche Zielstrebigkeit, die es ihm ermöglicht, aus bescheidenen bäuerlichen Verhältnissen heraus nicht nur drei Beruf zu erlernen, sondern mitten im Krieg das Abitur zu bestehen und danach ein Chemistudium zu absolvieren. Seine unerschrockene Art, vor niemandem Angst zu haben, auf Menschen zuzugehen und Rückschläge wegzustecken, kommt ihm dabei zu Gute. Seine Aufzeichnungen als Zeitzeuge dreier historischer Epochen in Deutschland liegen jetzt als über 600-seitige Gesamtausgabe aller drei Teile der Trilogie “Schattenlicht” vor.…

Kindheit – Land und Dorf

Demjenigen, der im zweiten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts das Licht der Welt erblickte, standen turbulente Zeiten bevor. Wer von dieser meiner Generation in Ehren alt wurde, muss seinem Schöpfer danken. In Ehren alt zu, werden heißt in einer Zeit der regierenden Massenbewegung und des Mordens, sein Gewissen nicht belasten, seine eigene Persönlichkeit bewahren und zwischen Gut und Böse unterscheiden. Dafür sind und waren Askese, Selbstbeherrschung und Ehrfurcht vor der Kreatur die Grundlagen. Diese Grundelemente ethischer Begriffe konnten sich nur in einem Elternhaus entwickeln, in dem neben Geborgenheit auch Moral und einfache Frömmigkeit den Alltag prägten. Ich hatte das große Glück, in einem bäuerlichen Elternhaus aufzuwachsen, wo in harter Arbeit der kargen Scholle die Früchte der Erde abgerungen wurden. Die Freizeit bestand aus Gebet und Meditation. Meine Eltern waren nicht Erzieher, sie waren Vorbilder. Wenn man ein Jahr nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg in armselige Verhältnisse hineingeboren wurde, stand einem keine goldene Zukunft bevor.

Deutschland, mein Vaterland, lag siechend darnieder. Die Grenzen waren mit dem Blut der Soldaten getränkt. Wenn bei uns in der schwäbisch-bayerischen Hochebene der milde Westwind wehte, brachte er noch den Geruch verwesender Soldatenleiber aus Frankreich mit.

Diese Hochebene ist ein raues Land. Im Süden halten die Allgäuer Alpen die milden Südwinde ab; nur hin und wieder dringt der warme Föhn über die hohen Bergketten. Dann wechselt eisiger Frost über Nacht mit milder Luft aus dem Süden. Hart und rau ist nicht nur unser Klima; rau und herzlich ist auch dieser keltische Menschenschlag.

Geologisch ist unsere Landschaft geprägt vom Gebirge. Riesige Gletscher wälzten sich vor Jahrmillionen vom Faltengebirge der Alpen nordwärts zur Donau. Sie schufen unsere Täler, weite Täler, schmale Täler, kleine Schluchten, die sich nach Norden verbreitern und im Donauried verflachen. Jedes Tal von der Iller bis zum Lech hat sein eigenes Gepräge, seinen eigenen Fluss oder Bach oder sein eigenes Rinnsal. Im Süden, dem Alpenvorland, stehen die Bauernhöfe wie Burgen auf den Anhöhen. Saftiges Weideland ernährt braune Kühe. Der Allgäuer Menschenschlag ist gemütlich, wortkarg und von geruhsamer Bedächtigkeit, denn reine Grünlandwirtschaft ist weniger arbeitsintensiv.

Je weiter es ins Unterland geht, desto größer werden die Dörfer, desto abwechslungsreicher wird die Vegetation, umso intensiver die Landwirtschaft. In den Tälern hat man Wiesen, auf den Hügeln Ackerland, unterbrochen von herrlichen Wäldern. Hier gibt es für die Bauern keine Ruhepausen. Frühjahrssaat, Heu- und Getreideernte, Kartoffelernte, Waldarbeit. Das folgt drängend auf das andere. Hier im Unterland muss jeder arbeiten, sogar Kinder und Alte. Selbst das kleinste Rinnsal ist eingespannt in den Arbeitsprozess.

Schon tausend Schritte südlich meines Dorfes Balzhausen wird die quicklebendige Hasel gebändigt. Ein Holzwehr versperrt ihren Lauf, ihr Wasser wird in einen engen Kanal gepresst, wo es ein riesiges Wasserrad treiben muss, dessen Kraft mit Transmissionen auf die vertikal schwingenden Sägegatter übertragen wird. Baumstämme der umliegenden Wälder werden scharfkantig zu Balken, Brettern und Latten geschnitten. Das der Kraft beraubte Wasser erholt sich im ausgeaperten Gumpen, kreist ein paar Mal schäumend, bis es ruhelos weiterfließt und neue Kräfte schöpft. Schon am Südrand des Dorfes wartet der alte Müller Karl. Gemächlich treibt er die Fallen runter, damit die Mühlsteine seiner alten Klappermühle angetrieben werden.

Der Mühlgumpen mit seinen alten Erlen ist Tummelplatz des Dorfes. Enten und Gänse streiten und lieben sich. Kinder baden. An lauen Sommerabenden waschen Bauernknechte ihre Ackergäule von Kopf bis Fuß. Anschließend durften wir Kinder durch die Schwemme reiten. Es war aufregend, wenn das Pferd den Boden unter den Füßen verlor und in Panik seinen Kopf über Wasser hielt und seine Nüstern blähte. Wie oft ist es vorgekommen, dass ein Pferd scheute, den Reiter abwarf, sich an der ausgefransten Böschung hoch strampelte, durchs Erlengebüsch zwängte, bis es wieder festen Boden unter den Beinen hatte und im Galopp durch die Dorfstraße zum heimatlichen Stall preschte, eine Staubwolke hinter sich lassend.

Außerhalb des Dorfes war der Bach frei. Er schlängelte sich durch Wiesen und Auen, mal schmal, mal breit, mal seicht, mal tief. Wenn es ihm unter schattigen Erlen oder buschigen Weiden gut gefiel, verweilte er in tiefen Gumpen. Die Zeit war für ihn kein Begriff. Nur das Gefälle, die Schwerkraft, beflügelte sein Temperament. Mochte er sein altes Bett nicht mehr, suchte er sich einen neuen Lauf. Niemand steckte ihn in eine Zwangsjacke. Seine Nährväter waren Regen und Schnee. Wenn er wild und wütend war, verweigerte er jede Arbeit. Er überschwemmte Wiesen und Felder, und wenn ihm Müller und Säger seinen Lauf nicht freigaben, zerriss er Wehre und Böschungen. Ein Abglanz der Urkraft der Naturgewalten.

Die erste Anstellung in Stuttgart

In der Berufsschule wurde ich kaum beachtet. Als ich dann meine kaufmännische Abschlussprüfung als Bester bestand, bekam ich plötzlich auch in diesen Kreisen Anerkennung. Für meine Abendschule war der Weg von Fellbach-Schmiden bis Stuttgart zu weit. Auch Schönemann konnte mich deshalb nicht halten. Auf meine einzige Bewerbung bei der Württembergischen Warenzentrale in der Johannisstraße bekam ich einen Vorstellungstermin. Ich konnte sofort anfangen.

Die Einarbeitung in diesen landwirtschaftlichen Großhandel fiel mir als Bauer, gelernter Gärtner und gelernter Kaufmann leicht. Ich kannte ja vom Saatgut über Schädlingsbekämpfungsmittel bis zum Kunstdünger alles. Ich hatte viel berufliche Abwechslung. In einem Betrieb mit mehreren hundert Angestellten war ich Kolonnenspringer, das heißt, ich wurde alle paar Wochen in einer anderen Abteilung eingesetzt, wenn jemanden wegen Krankheit oder Urlaub ausfiel. Die Umstellung vom ländlichen Familienbetrieb zum streng organisierten Großbetrieb konnte ich kaum verkraften. Ich wohnte in einer Querstraße der Johannisstraße als Untermieter in einer Werkswohnung der Firma Bosch. Ich hatte nur zwei Minuten zu meiner Arbeitsstelle. Mein Zimmer war dürftig möbliert; gegenüber meinem Fenster sah ich die graue Wand des Vorderhauses. Ich war immer pünktlich an meinem Arbeitsplatz, obwohl ich weit bis Mitternacht studierte. Mein pensionierter Hausherr, ein ehemaliger Bosch-Arbeiter, weckte mich pünktlich. Er hatte in fünfzig Dienstjahren die letzten fünfzehn Jahre nur am Fließband gearbeitet. Er wusste, dass die Zeit und die Maschine den Rhythmus des Menschen bestimmen. Pech hatte ich, als das betagte Ehepaar zwei Wochen mit „Kraft durch Freude“ Urlaub machte und in einem Bosch-Erholungsheim noch weitere zwei Wochen anhängte. Schon in der ersten Woche kam ich einmal sieben und das nächste mal sogar dreizehn Minuten zu spät in mein Büro-Silo. Jetzt erst merkte ich, was der griesgrämige Pförtner in der Glas-Loge für eine wichtige Person war. Das erste Mal fragte er nach meinem Namen. Das zweite Mal wurde ein Protokoll angefertigt. Name, Anschrift, in welcher Abteilung, welcher Prokurist zuständig war, Grund der Verspätung. Dauer der Vernehmung fünfzehn Minuten für zwei Mann, ergibt dreißig Minuten. Im Laufe des Vormittags Rapport beim Prokuristen Joos, nochmal fünfzehn Minuten für zwei Mann, ergibt insgesamt nochmal 30 Minuten. Insgesamt wurden für dreizehn Minuten Verspätung sechzig Minuten Arbeitszeit aufgewendet; dabei waren noch hoch bezahlte fünfzehn Minuten für den Prokuristen. Mein kaufmännisches Denken war zwar erschüttert, doch ich beugte mich der Ordnungsliebe des Konzerns.

In Zukunft ging ich immer eine Viertelstunde früher ins Geschäft. Ich hatte ja mein Studienbuch unterm Arm. Doch da hatte ich auch wieder Schwierigkeiten. Selbst wenn der Pförtner gelangweilt in seiner Glasvitrine saß, genau fünfzehn Minuten vor Arbeitsbeginn wurde der Einlass geöffnet. Es wäre ja ein ordnungswidriges Vergehen gewesen, wenn der Pförtner fünf Minuten zu früh seinen Eingang aufgemacht hätte.

Ernüchternder Empfang für den Kriegsheimkehrer

Es war die erste Juniwoche des Jahres 1945. Ich kam mir vor wie eine Rauchschwalbe, die gegen alle Witterungseinflüsse im Mai zurückkommt und im Kuhstall ihr altes Nest wieder in Besitz nimmt. Alt bedeutete Geborgenheit im Nest der Kindheit. Alt bedeutete eingebunden in das ländliche Leben, in dem es keine Feinde gab, in dem Mensch und Tier friedlich nebeneinander lebten. Mein Vater nahm mich in die Arme wie ein Kleinod: „Mutter, einer ist wenigstens wieder zurückgekehrt!“ Meine Mutter hatte für meine Verfassung kein Gefühl. Unbeirrt legte sie los: „Der Georg ist Weihnachten 1944 gefallen, der Martin ist im August 1944 vermisst; meine besten Buben!“ Mir stockte der Atem bei diesen Hiobsbotschaften; mir rutschte das Herz in die Hosen: Was war ich doch für meine Mutter ein ungeliebter Fremdling, dessen Rückkehr für sie ohne Bedeutung war!
Meine Mutter hatte keine Ahnung, kein Gefühl dafür, dass auch ich mich mit allen Fasern ans Leben klammerte, dass auch ich mein heimatliches Nest wie ein Heiligtum betrachtete. Ich merkte förmlich, wie meine Mutter mit dem Schicksal haderte, wie sie immer wieder betonte: „Meine besten Buben sind im Krieg geblieben.“ Für sie war ich „Luft“. Ich spürte, dass meine Mutter sagen wollte: „Herr, du hast mir meine beiden Söhne genommen, warum schickst du mir ausgerechnet meinen dritten zurück, den hättest du auch behalten können.“
Ich ging zu meiner Lieblingsschwester Hedwig, die ein kleines Bauerngehöft in der Nachbarschaft bewirtschaftete. Ihr Mann war schwerverletzt vom Krieg zurückgekommen. Er hatte einen Oberschenkel-Durchschuss davongetragen, die Nerven seines Beines waren abgetrennt, er hatte im rechten Bein kein Gefühl. Wenn er abends von der Feldarbeit zurück kam, hingen  die Fetzen von seinem Fuß, ohne dass er es bemerkte.

Er brauchte für einen Fuß einen Orthopädischen Schuh. Wie oft ging ich zum Versorgungsamt nach Augsburg um neue Schuhe zu beantragen. Wie ein Parasit wurde ich dort von einem jungen Arzt abgespeist: Was will den der schon wieder mit neuen Schuhen, der soll seine Schuhe schonen, wir können doch nicht alle Jahre neue Schuhe verschreiben! Dabei musste mein Schwager ja einen Schuh ohnehin bezahlen. Ich zeigte den abgetragenen Schuh vor, darauf entgegnete mir der junge Schnösel: „Kann denn der Versehrte nicht besser aufpassen, damit die Schuhe nicht innerhalb eines Jahres kaputt gehen?“

So wurden Schwerversehrte in der Nachkriegszeit behandelt. Diese rüden Beleidigungen eines ehemaligen Frontsoldaten dauerte mehr als fünfzehn Jahre, bis mein Schwager das Zeitliche segnete. Gab es mehr Brutalität als diese Unverschämtheit, die sich die Versorgungstelle Augsburg leistete? Obwohl ich selbst nicht direkt betroffen war; empfand ich es als erschütternd, wie der Bayerische Staat – sprich die Nachfolger des Deutschen Reiches – sich gegen die Versehrten des Zweiten Weltkriegs benahmen; das ging auf keine Kuhhaut! Ich persönlich hätte nicht einen kleinen Finger geopfert für das, was die Erben der Nazis für einen ganzen Fuß „großzügig“ bereitstellten. War das der Dank des Vaterlandes, Kriegskrüppel mit einem „Butterbrot“ abzuspeisen?

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Der Autor

facebook-og-bildMartin Bühler wurde am 01.11.1973 in der kleinen schwäbischen Stadt Krumbach geboren.

Nach seiner Schulzeit studierte er Aquakultur und arbeitete mehrere Jahre in Italien und Spanien. Seit dem Jahr 2001 lebt er an der westlichen Küste Nordfrieslands,zwischen der Hafenstadt Husum und der Insel Sylt.

Im Jahr 2011 fing er erstmals an, offen über das Thema Samenspende und Kinderwunscherfüllung zu sprechen und zu schreiben. 2012 schrieb Martin Bühler sein erstes Werk”Der Samenspender Martin1973″, anfangs als Selbstverleger, später über den Miller Verlag. Danach folgten Ratgeber zur Kinderwunschthematik wie “Schwanger ohne Sex” und “Familienglück durch private Samenspende”.

Zum Thema Kinderwunsch durch Samenspende entstanden zahlreiche Beiträge, u. a. bei Stern TV (RTL), Mona Lisa (ZDF) und Planetopia (SAT1). Danach erfolgten Berichterstattungen des Axel Springer Verlages, u. a. in Bild der Frau und Bild.de.

Seine Begeisterung, bestehende Tabus in unserer Gesellschaft anzusprechen und öffentlich zu diskutieren, wuchs von Tag zu Tag. Mit seiner provozierenden Art öffentliche Diskussionen anzuregen, gefällt ihm und wurde zur Passion. Die Themen sind mittlerweile umfangreich und vielschichtig.

Sein Motto ist: Das Leben schreibt die interessantesten Geschichten.

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